Markus Theinert ist seit 2000 Musikdirektor des MON und leitet seit der Neugründung im Jahr 2001 das Sinfonische Blasorchester des Musikbundes von Ober- und Niederbayern. Nach Instrumentalunterricht in den Fächern Klavier, Orgel, Tuba, Posaune, Kontrabaß und Gesang und Studium an der "Hochschule der Künste" in Berlin, folgte ein Dirigierstudium in der Meisterklasse von Sergiu Celibidaché. Aufgrund seiner hervorragenden musikalische Begabung ist Markus Theinert gefragter Dozent auf der ganzen Welt u.a. als Gastdirigent beim "Orquesta Sinfonica di Mineria" in Mexica-City und dem "Hartwick College Summer Music Festival" in New York.
Seit dem 1. September 2006 ist er der Leiter der Mannheimer Bläserphilharmonie. Seit dem Wintersemester 2007/2008 bietet die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim erstmalig auch einen Studiengang für die Leitung von Blasorchestern unter der Leitung von Markus Theinert an.
Markus Theinert ist seit Gründung des "Sinfonischen Blasorchesters des MON" musikalischer Leiter und verantwortlich für die Entwicklung des Orchesters.
Interview Markus Theinert vom 2. Juli 2011
Bayerische Blasmusik: Herr Theinert, die erste Frage ist vielleicht gleich etwas provokant: Wie kommt man nach Konzerten im Herkulessaal und im Prinzregententheater in der Stadthalle Weilheim zurecht? Wie kommt man nach dem Erlebnis des vorigen Jahres hier an?
Markus Theinert: Akustisch gesehen ist es natürlich ein Unterschied. Aber die Örtlichkeit an sich spielt für mich bei Konzerten gar nicht so eine große Rolle – mit Ausnahme des Klangs. Für mich steht weniger das im Vordergrund, was Konzertagenten im Allgemeinen sehen: Den Veranstaltungsort als einen renommierten Magneten, der ein Publikum anzieht, oder eine bestimmte Sorte von Publikum. Viele verbinden bis heute große Künstler mit der Carnegie Hall – wer in der Carnegie Hall gespielt hat, der ist wer. Das ist für mich gar nicht bedeutend. Im Gegenteil: Ich habe schon ganz unscheinbare Sporthallen erlebt, die einen fantastischen Klang hatten, wie auch Konzertsäle, die nicht so schön geklungen haben. Die Stadthalle Weilheim halte ich von allen Sälen, die ich im Bereich von Ober- und Niederbayern kenne, auf jeden Fall für einen der besseren Säle.
Bayerische Blasmusik: Wie war der Ein- bzw. Umstieg für das Orchester?
Markus Theinert: Das empfinden vielleicht manche, die zweimal im Carl-Orff-Saal oder im Herkulessaal aufgetreten sind, als einen Rückschritt, auch von der Größe des Saales her. Ich teile das nicht. Es ist schade, dass wir nur ein Konzert spielen können dieses Jahr. Es ist eher ein Problem, dass wir das Publikum nicht in dieser Größe erreichen. Es ist sicherlich auch ein finanzielles Risiko, den Herkulessaal anzumieten. In diesem Jahr war er wohl nur für eine Matinée verfügbar und nicht für ein Abendkonzert. Und es gab auch Terminprobleme bei den Aufnahmeterminen mit dem Bayerischen Rundfunk. Und da lag es natürlich nahe, den Saal für das Konzert zu nehmen, wo wir auch aufnehmen können.
Bayerische Blasmusik: Sie haben angesprochen, dass Sie nicht so viel Publikum erreichen. Mit der Aufnahme erreichen Sie im besten Fall beinahe ein Millionenpublikum. Wie war die Aufnahme? Wie hat das Orchester das mitgemacht? Es war zu hören, dass es für viele Musiker die erste Aufnahme überhaupt war…
Markus Theinert: Ganz erstaunlich gut. Die Konzentration während der Aufnahme war fast auf professionellem Niveau. Die Musiker sind äußerlich unglaublich gelassen mit der Situation umgegangen ohne dass sie den innerlichen Druck haben spüren lassen. Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte schon damit gerechnet – und deswegen auch die relativ großzügig angelegte Aufnahmezeit –, dass wir den einen oder anderen kräftemäßigen Ausfall erleben werden. Sowohl von der Konzentration als auch vom Ansatz her. Aber das ist überhaupt nicht eingetreten. Ich muss sagen, es ist erstaunlich gut gelaufen.
Bayerische Blasmusik: Wo liegt für das Orchester der Unterschied zwischen der Aufnahme und dem Konzert? Ich vermute, man bereitet sich für eine Aufnahme anders vor als auf ein Konzert. Haben Sie die Vorbereitung eher auf die Aufnahme oder auf das Konzert abgestimmt?
Markus Theinert: Das macht bei mir überhaupt keinen Unterschied. Ich habe ganz genau gleich gearbeitet wie sonst. Aber was heißt schon „gleich“? Nichts ist gleich, wenn man ein anderes Repertoire hat. Die Bedürfnisse, das Kennenlernen der Partitur – da besteht für mich keinerlei Unterschied. Was die Aufnahme selber angeht, das ist allerdings ein anderes Arbeiten. Beim Aufnehmen einer Produktion, die mit Schnitt zu tun hat, ist man natürlich auch an das Repetitive gebunden. Ich kann also, wenn ich nochmal einsteige, nicht nochmal was ausprobieren. Sondern ich muss mich an das Tempo binden, ich muss mich an den Klang binden, damit es am Ende zusammenpasst. Und das ist eine mechanische, weniger kreative Tätigkeit. Im Konzert dagegen können wir uns noch einmal fallen lassen und das Werk frisch erfahren. Das ist eben in so einer Aufnahmesituation nicht möglich. Und das erfordert dann natürlich in der Aufnahmesituation selbst eine ganz andere Bewusstseinsrichtung. Das heißt, wirklich auf die Kontintuität in dem Tempo, was man unter Umständen vor einer halben Stunde gehabt hat. Oder auch in den Klang hineinzukommen, den man vor einer halben Stunde gehabt hat.
Bayerische Blasmusik: Sie haben gerade die Erfahrung angesprochen. In einem Interview im vorigen Jahr haben Sie gesagt, es gehe bei der Arbeit eigentlich um „musikalische Momente“. Diese musikalischen Momente seien in der Probe häufiger als im Konzert. Und Sie haben auch das Programm schon angesprochen. Wie ist das in so einem – vielleicht ist das auch der falsche Ausdruck – eher „landläufigen“ Programm, wo viele Musiker das eine oder andere Stück schon gespielt haben? Sind die musikalischen Momente häufiger oder seltener, eben WEIL jeder das Stück schon zu kennen glaubt?
Markus Theinert: Die Eigenart von musikalischem Erleben ist das, dass man es nicht messen oder vergleichen kann. Selbst die Quantität ist, glaube ich, überhaupt nicht erfahrbar. Es ist nicht so, dass in den Proben mehr musikalische Erfahrungen sind. Es ist bei solchen Orchestern häufig so, dass sie in den Proben gelassener oder auch freier sind. Im Konzert kommt bei den meisten doch eine gewisse Anspannung hinein, die das Erleben eventuell wieder behindert. Bei einem populären Programm, das heißt bei Stücken, die öfter im Repertoire zu hören sind, besteht die Schwierigkeit darin, sich eben von diesem Erfahrungswert zu lösen. Denn nur wenn ich mich von meinem Gedächtnis und meiner Erfahrung lösen kann, habe ich den Weg zur Musik. Wenn ich mit dem Gedächtnis behaftet herangehe, dann reproduziere ich. Das heißt, ich mache das, was ich im Gedächtnis habe und reproduziere es. Ich bin also nicht kreativ und nicht spontan tätig. Und dafür heißt es, das Bewusstsein frei zu bekommen. Das ist natürlich schwieriger mit bekannten Werken. Wenn ich heute ein neues Werk hätte, eine Partitur, die noch nie jemand angeschaut hätte, wäre es mir viel leichter, dem Orchester das zu vermitteln. Das heißt auch, so seltsam das für viele klingen mag: Für solche Stücke wie den „Florentiner Marsch“ brauchen wir viel mehr Probenzeit als für jedes andere Werk.
Bayerische Blasmusik: Eine Frage, die jetzt gut zu den bekannten Stücken passt: Ich habe Sie noch nie so körperlich dirigieren sehen. Liegt das am Programm, weil man bei diesen Stücken mehr ins Orchester hineinbringen muss? Oder ist das weil die Entwicklung soweit ist, dass man in die nächste Dekade geht? Quasi der Startschuss für ein „SBM 2.0“, also der nächste Entwicklungsschritt? Oder doch tatsächlich nur dem Programm geschuldet?
Markus Theinert: Das ist mir so gar nicht aufgefallen. Aber wenn Sie das so beobachten oder auch so mit den vorangegangenen Jahren vergleichen… Es kann in diesem ersten Konzertteil mit dem Programm zusammenhängen, vor allen Dingen, was Johann Strauß angeht. Das ist ein Musiker, der lebt von der Richtung des Tempos, der lebt von der Phrasierung in der Gestaltung. Und weniger von den Kontrasten in seinem Themenmaterial. Das ist nämlich relativ einfältig, relativ simpel gehalten. Bei solchen Stücken ist es klar, dass man viel mehr motivieren muss, um aus diesem Gleichtrott herauszukommen als bei Kompositionen, die in sich, in ihrer strukturellen Anlage, schon diese Entwicklungen haben. Wie zum Beispiel bei einer Bruckner-Sinfonie, die derartig kontrastvoll in der Komposition ist, dass ich mich kaum so einsetzen muss – außer die Harmonien wirken zu lassen. Aber es hängt immer wieder auch davon ab, wie die Saalakustik animiert. Das ist vielleicht einer der Nachteile hier in der Stadthalle Weilheim: Wenn der Saal wie heute Abend voll besetzt ist, verändert er sich sehr zum Trockenen. Und dann habe ich auf einmal diese Flexibilität, diese Reaktionsfreudigkeit des Orchesters nicht mehr in dem Maße zur Verfügung: Alles wird ein bisschen gedämpfter, alles wird in den Kontrasten ein bisschen kleiner. Und ich fühle dann das Bedürfnis, mehr zu motivieren und mehr zu gestalten.
Bayerische Blasmusik: Herr Theinert, die letzte Frage, bevor Sie sich bestimmt auf den zweiten Konzertteil vorbereiten wollen: In der Begrüßung wurde die Entwicklung des SBM angesprochen, der aktuelle Stand und der Wunsch, der noch im Orchester ist: Viele Musiker möchten gern an einem Wettbewerb teilnehmen. Wohin führt der Weg des SBM in seiner zweiten Dekade?
Markus Theinert: Ein Wettbewerb ist natürlich etwas, was uns einmal in die Welt hinausbringt. Vor allen Dingen auch für die Musiker selber, um zu sehen: Was macht man in anderen Ländern? Wie hoch ist der Standard in anderen Ländern? Das ist eine ganz wichtige Erfahrung bei Wettbewerben. Das würde ich jedem gönnen. Die Frage, welche Form von Festival oder Wettbewerb wir angehen können, hängt in erster Linie natürlich ein wenig von der Terminplanung ab: Wir sind an Ferienzeiten gebunden, das geht nicht immer einher mit internationalen Festivals. Ebenfalls ein bisschen Sorgen macht mir bei dem Gedanken an einen Wettbewerb auch die jährliche Neurekrutierung von Musikern, weil wir eben nicht wie andere Projektorchester auf einen wenigstens 80-prozentigen Stamm zurückgreifen können. Wenn das gegeben wäre, oder wenn sich für ein solches Projekt auch die Ehemaligen und „Altmeister“ der Register nochmal motivieren ließen und wir so eine Art „Auswahl aus dem Auswahlorchester“ für einen solchen Wettbewerb zusammenstellen könnten, dann sähe ich dem gelassen entgegen und würde mich auch freuen. Wie gesagt, um dem Orchester einmal andere Säle, andere Länder, andere Gebräuche zu zeigen. Große Wettbewerbe sind natürlich rar, allein schon wegen des großen Organisationsaufwandes. Man denkt natürlich an Kerkrade, das in einem vierjährigen Turnus stattfindet und eventuell auch Riva del Garda. Da waren auch schon Gedanken da. Aber das muss terminlich noch besprochen und auch entsprechend organisiert werden. Es ist auch immer die Frage, wie sich das Weiterkommen äußert? Irgendwie misst man das an Äußerlichkeiten: Wo tritt das Orchester auf? Was macht es? Jetzt gibt es eine CD-Aufnahme, dann gibt es noch einen Wettbewerb – was dann? Was gibt es noch? Ich kann mir eine Entwicklung des Orchesters auch ohne äußere Veränderungen vorstellen und habe das ja auch schon erfahren. Selbst bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen, wie in den mittleren Jahren, wo wir im Schnitt drei Konzerte gemacht haben am Ende der Arbeitsphase. Auch da hat sich das Orchester natürlich weiterentwickelt. Wenn Sie mir vor acht Jahren gesagt hätten, dass ich mit diesem Orchester die Fledermaus-Ouvertüre spiele, dann hätte ich Sie wahrscheinlich für nicht ganz zurechnungsfähig eingeschätzt und gesagt: „Das ist niemals denkbar, so reif sind wir nicht!“ Und jetzt, acht Jahre später, ist es soweit. Und da sehe ich eigentlich diese unglaubliche Weiterentwicklung, die man an äußeren Rahmenbedingungen nicht einfach so festmachen kann. Sicher ist es immer schön, etwas zu haben wie jetzt die Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk oder wie einen Wettbewerb, oder vielleicht mal ein Partnerschaftskonzert mit einem großen Auswahlorchester aus dem Ausland. Man kann sich noch vieles vorstellen. Wir hatten ja auch schon eine Kooperation mit einem Solisten. Aber für mich ist das nicht das Wichtigste. Das ist vielleicht für die Repräsentanten des Orchesters wichtiger, dass sich in dieser Richtung etwas tut. Für mich ist entscheidender, dass wir musikalisch nicht stillstehen und dass wir auch in dieser Hinsicht trotz der großen Fluktuation im Orchester ein Weiterkommen feststellen.
Bayerische Blasmusik: Ein schönes Schlusswort. Herr Theinert, vielen Dank für das Gespräch!
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